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Organspende muss ein Geschenk sein

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02.05.2022
Im Mai entscheidet das Stimmvolk darüber, ob man Organe entnehmen kann, wenn der Verstorbene und die Angehörigen dies nicht ausdrücklich ablehnen. Die reformierte Kirche schlägt eine andere Lösung vor.

Die Schweiz hat ein Problem: Es gibt mehr Menschen, die auf ein Organ warten, als Spendende. Nicht weil Herr und Frau Schweizer sich weigern, sondern weil keine entsprechende ErklÀrung der Verstorbenen vorliegt. Etliche in der Schweiz warten deshalb vergeblich auf ihr Spenderorgan.

Mit der Vorlage der erweiterten Widerspruchslösung wollen Bundesrat und Parlament dies Ă€ndern. Neu wird die Zustimmung vorausgesetzt, wenn der Spender eine Organentnahme nicht ausdrĂŒcklich abgelehnt hat und seine Angehörigen keinen Einspruch erheben. FĂŒr die Kritiker der Vorlage wie etwa die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle missachtet dies das Recht auf körperliche Unversehrtheit: «Der Einzelne wird zum Organlieferanten des Staates.»

Ethisch problematisch
Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS plĂ€dert fĂŒr eine alternative Lösung. Die erweiterte Widerspruchslösung setzt eine generelle Bereitschaft zur Organspende voraus, die ethisch problematisch sei. «Kein Mensch verdanke sein Leben sich selbst», so die EKS, «sondern das Leben ist ein Geschenk.» Die Organspende mĂŒsse deshalb eine Gabe bleiben. Niemand könne aus moralischen GrĂŒnden verpflichtet werden, seinen Körper anderen zur VerfĂŒgung zu stellen. «Die erweiterte Widerspruchslösung verkehrt die Spende als Akt christlicher NĂ€chstenliebe in eine bĂŒrgerliche SolidaritĂ€tspflicht.»

Angehörige entlasten
Um sicher zu sein, dass eine Organspende nach dem Tod dem freien Willen der Spendenden entspricht, schlĂ€gt der Rat der EKS das ErklĂ€rungsmodell vor. Dieses sieht vor, die Spendenbereitschaft systematisch zu ermitteln. Konkret heisst das: Bei amtlichen Handlungen, etwa beim Erhalt des FĂŒhrerscheins, bei der ID-Ausstellung oder in der SteuererklĂ€rung wird man zur Organspende befragt. Die Zustimmung, die Ablehnung oder keine ErklĂ€rung wĂŒrde dann im Register von Swisstransplant eingetragen. Die EKS verspricht sich so eine Entlastung der Angehörigen, wenn sie sich nicht am Sterbebett ihrer Liebsten entscheiden mĂŒssen. Zudem wĂŒrde die Gesellschaft fĂŒr das Thema der Organknappheit sensibilisiert.

Viele sind ĂŒberfordert
Spitalseelsorgerinnen und Spitalseelsorger kennen die Schwierigkeiten, wenn vom Verstorbenen keine WillensĂ€usserung vorliegt. Die Angehörigen seien in dieser Situation völlig ĂŒberfordert. Sie stehen unter Schock, trauern und mĂŒssen sich gleichzeitig entscheiden, ob man Organe entnehmen darf. Die Intensivpflegerin Barbara Steiger hat in den 90er-Jahren im UniversitĂ€tsspital Basel Verstorbene, die fĂŒr die Organspende vorbereitet wurden, betreut. Der Hirntod einer jungen Patientin etwa war bestĂ€tigt, sie wurde kĂŒnstlich beatmet. Steiger lagerte sie um, wusch sie und sprach mit ihr. «Ihr Körper war jung und lebendig, trotzdem war sie schon hirntot. » Es war fĂŒr alle eine Überforderung. Die Familie nahm von der jungen Frau, die zwei Kinder hatte, dann in Ruhe Abschied. Es sei schön gewesen, zu erleben, wie sich die Situation «gut auflöste».

Verantwortung ĂŒbernehmen
Wie steht Steiger zur Organspende? Es sei gut, wenn Menschen sich dazu bereit erklĂ€rten, sie selber habe dies auch gemacht. «Es ist traurig, wenn Leute sterben, nur weil es keine geeigneten Spenderorgane gibt. Andererseits gehöre dies zum Leben, «das wir nicht gepachtet haben und das an einem Seidenfaden hĂ€ngt». Barbara Steiger respektiert es, wenn Menschen ihre Organe nicht zur VerfĂŒgung stellen. Sie findet es wichtig, dass man die Verantwortung fĂŒr den eigenen Körper ĂŒbernimmt, sich mit dem Tod auseinandersetzt und mitteilt, was geschehen soll.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online

Pro Widerspruchslösung: Franz Immer, Herz- und GefÀsschirurg und Direktor der Stiftung Swisstransplant

Kontra Widerspruchslösung: Markus Zimmermann, Professor an der Theologischen FakultÀt der UniversitÀt Fribourg und VizeprÀsident der Nationalen Ethikkommission

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