Spitex-Besuch aus Transsilvanien
Michèle Rosser, Teamleiterin Pflege bei der Spitex Pratteln-Augst-Giebenach, erinnert sich noch gut an ihren ersten Hausbesuch in Siebenbürgen: «Die Pflegefachfrau öffnete eine Antibiotikakapsel und streute das Pulver in die Wunde der Patientin. So haben wir vor Jahrzehnten unsere Patienten gepflegt!» Dieser Besuch liegt neun Jahre zurück. Er fand im Rahmen einer Begegnungsreise statt, die das Pfarramt für weltweite Kirche BS/BL gemeinsam mit dem Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) organisiert hatte.
Seit 2019 reisen regelmässig Mitarbeitende der hiesigen Spitex nach Rumänien, um ihre Kolleginnen der dort ansässigen Stiftung Diakonia mit Ausbildungen im Bereich Hygiene und Wundversorgung zu schulen. Zum ersten Mal waren Ende August die rumänischen Pflegerinnen zu Gegenbesuch in der Schweiz.
Vorzeigeprojekt der Kantonalkirchen baut Brücken zu Rumänien
Die Geburtenrate ist niedrig, junge Menschen wandern in die Stadt ab und Fachkräfte ins Ausland. Ältere und kranke Menschen sind zunehmend isoliert. Das sind die Probleme in den transsilvanischen Dörfern, mit denen sich die christliche Stiftung Diakonia beschäftigt. Ein Hauspflegedienst nach dem Vorbild der Schweizer Spitex soll die Menschen zu Hause betreuen, vor allem in Gegenden, in denen es nur wenige Ärzte gibt. Heks und das Pfarramt für weltweite Kirche unterstützen den Austausch mit der Spitex bereits seit 2001. Bis heute hat Diakonia 71 Einsatzstellen aufgebaut, die in 249 Gemeinden aktiv sind. Jährlich können Pflegekräfte und Sozialarbeitende so rund 22000 Menschen betreuen. Daniel Frei, Leiter des Pfarramts für weltweite Kirche BS/BL, bezeichnet den Austausch als Vorzeigeprojekt der Kantonalkirchen: «Das baut eine Brücke zwischen der Kirche hier und den Menschen dort.»
Neues Wundmanagement rettet Ferencs Fuss
Für Michèle Rosser eröffnete sich bei diesem ersten Besuch ein ganz neues Aufgabenfeld. Sie sagt: «Ich wusste, wir müssen dringend Wissen vermitteln und helfen, die Wund- und Materialversorgung vor Ort zu verbessern.» Zwei Jahre später führte sie mit einer Kollegin im Rahmen einer Diakonia-Tagung in Siebenbürgen die erste Schulung zum Thema Handhygiene durch. Über hundert Mitarbeitende nahmen teil. 2022 holte Rosser mit Daniela Böckel eine Wundexpertin an Bord, die seither bereits fünfmal für Schulungen und Vertiefungskurse in Siebenbürgen war. Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigt die Geschichte von Ferenc.
Ferenc hatte zwei Zehen verloren. Er litt infolge seiner Diabeteserkrankung an einer üblen Wundheilstörung. Die Unterseite des Fusses war schwarz, Sehnen und Knochen waren durch das verrottete Fleisch bereits sichtbar. «Wir dachten, der muss amputiert werden», erinnert sich Daniela Böckel. Ferencs Hausarzt hatte die Wunde stets mit starkem Desinfektionsmittel gereinigt und mit Salben behandelt. Neues Zellgewebe wurde so abgetötet und die Wunde heilte nicht. Böckel zeigte ihrer rumänischen Kollegin Eszter eine neue Methode: spezielle Kompressen, weniger Desinfektionsmittel und eine genaue Dokumentierung der Wundentwicklung. Der Hausarzt war zwar skeptisch, aber Ferenc vertraute beharrlich auf die Empfehlung von Böckel und Eszter. Und tatsächlich: Die Wunde begann zu heilen, der Fuss musste nicht amputiert werden. Heute kann Ferenc wieder gehen und sich um seine blinde Frau kümmern.
Schulungen vermitteln Know-how und stärken Selbstbewusstsein
Veraltetes medizinisches Know-how, das Misstrauen der Ärzte und fehlendes Material stellen für die Mitarbeitenden von Diakonia eine grosse Herausforderung dar. Mit ihren Schulungen wollen Michèle Rosser und Daniela Böckel das Selbstbewusstsein der Pflegenden stärken. «Immer mehr Ärzte verweisen inzwischen Patienten an sie», stellt Rosser fest.
Die Schulungen in Rumänien führen Rosser und Böckel in ihren Ferien durch. Oft sammle sie Überstunden, erzählt Rosser, um die Reise nach Rumänien antreten zu können. «Wir wollen ihnen zeigen, welche Möglichkeiten und Wege es gibt und wofür sie kämpfen können.» Kämpfen müssen sie vor allem für modernes Material, für das es in Rumänien erst wenige Lieferanten gibt. Aber Rosser ist sich sicher: «Man muss gross denken, damit ein Projekt weitergeht.»
Auch die Schweizerinnen können noch lernen
Der Besuch in der Schweiz ist für die rumänischen Pflegenden augenöffnend. «Es ist inspirierend, zu sehen, wie organisiert hier alles ist», sagt etwa Erika. «Alle haben ihren Aufgabenbereich. In Rumänien sind wir alleine unterwegs und kümmern uns um alles: Haushalt, Wundpflege, Körperhygiene.» Dennoch ist sie überzeugt, dass auch ihre Kolleginnen in der Schweiz noch dazulernen können: «In Rumänien hat die Gemeinschaft einen viel grösseren Stellenwert. Obwohl es bei uns viele einsame Menschen gibt, ist niemand richtig allein. Die Nachbarschaftshilfe ist nämlich sehr gross.» Dem stimmt Michèle Rosser zu: «Ihre Herzlichkeit und das Wohlwollen, das sie den Patientinnen und Patienten entgegenbringen, ist mir von Anfang an aufgefallen.»
Spitex-Besuch aus Transsilvanien