Südsudan: die Kraft der Hoffnung im Krieg
Als der Südsudan 2011 nach jahrzehntelangen Freiheitskämpfen endlich unabhängig wurde, galt das Land in den Augen der Weltöffentlichkeit als Hoffnungsträger. Diese Hoffnung wurde nur zwei Jahre später von einem Bürgerkrieg zunichtegemacht, dessen Folgen bis heute zu spüren sind.
Tut Mai Nguoth Bol und Simon Ocheti Okay Nyakeir setzen sich als Leitungspersonen in Projekten des Basler Hilfswerks Mission 21 in ihrer Heimat für eine friedliche Zukunft ein. Im September waren die beiden in Basel zu Besuch.
Eine Hebammenschule rettet Leben
Die junge Hebamme in ihrer hellblauen Uniform steht im Schatten von ein paar Bäumen, hinter ihr ist ein weisser Baldachin aufgespannt. Das, erklärt Tut Mai, sei ein «Makeshift»-Krankenhaus, ein Provisorium, irgendwo in einem entlegenen südsudanesischen Dorf. Tut Mai leitet eine Hebammenschule der Presbyterianischen Kirche des Südsudans (PCOSS), einer lokalen Partnerkirche von Mission 21. Weil viele staatliche Strukturen sowie Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen im Bürgerkrieg zusammengebrochen sind, besuchen die ausgebildeten Hebammen die gebärenden Frauen zu Hause.
Die Hebammenschule der PCOSS ist eine von nur zwei Schulen im Land und geht aktiv gegen die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit im Südsudan vor. Seit ihrer Gründung im Jahr 2005 konnten 200 Hebammen ausgebildet werden. Sie begleiten die Frauen nicht nur während Schwangerschaft und Geburt, sondern klären sie auch über Impfungen und reproduktive Gesundheit auf.
«Alles, was sie haben, ist ihre Entschlossenheit, Leben zu retten», betont Tut Mai. Die Ausbildung ist für die Schülerinnen auch eine Chance: Fast alle kommen aus armen Verhältnissen. Mädchen werden oft früh aus der Schule genommen und verheiratet, da der Brautpreis Familien aus der finanziellen Not heraushelfen kann. Die Ausbildung an der Hebammenschule verhilft ihnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Spielplätze statt Kindersoldaten
In Renk, einer Stadt nahe der sudanesischen Grenze, führt Simon Ocheti das Kinderzentrum Muhaba. Hier leben 75 Kinder, deren Eltern entweder tot sind oder sich nicht um sie kümmern können. «Es dauert oft lange, bis wir herausfinden, warum die Kinder zu uns kommen», sagt Simon Ocheti. «Zu wenig Essen, Missbrauch, Flucht. Die Not ist erdrückend.» Kinder, die auf der Strasse leben, sind dem Risiko ausgeliefert, vom Militär rekrutiert zu werden. Laut der UNO wurden in den letzten Jahren fast 20'000 Kindersoldaten ausgebildet.
Das Children’s Center bietet den Kindern Schulunterricht, Verpflegung und einen sicheren Zufluchtsort. Auf dem Gelände steht einer der wenigen Spielplätze im ganzen Land. Es sei wichtig, betont Simon Ocheti, dass die Kinder einen Raum haben, um einfach nur Kind zu sein. «Es ist eines unserer schönsten Projekte», betont Dorina Waldmeyer, Programmverantwortliche Südsudan bei Mission 21. «Wir sehen, dass es nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch in der Gemeinschaft Veränderung erzielt.»
Derzeit ist Mission 21 allerdings der einzige Geldgeber, was Pläne und Ziele von Simon Ocheti verlangsamt. Zum Beispiel bräuchten viele Kinder eine Berufsausbildung. In der direkten Umgebung gebe es aber keine Ausbildungsplätze. «Das bedeutet, dass wir etwas anbieten müssen», erklärt Waldmeyer. «Wir brauchen ein neues Schulgebäude und müssen Lehrer ausbilden und anstellen.» Waldmeyer verzieht unglücklich das Gesicht: «Wer bezahlt das alles?»
Die Schweiz in der Verantwortung
Mir ihrem Besuch in der Schweiz wollen Tut Mai und Simon Ocheti Aufmerksamkeit und Gelder generieren. Auf beides sind ihre Projekte dringend angewiesen. Die Lage scheine hoffnungslos, aber mit jedem Baby, das unter sicheren Bedingungen zur Welt komme, wachse die Hoffnung. «Kein Menschenleben ist wertlos», betont Dorina Waldmeyer. «Wenn wir es mit unserer Arbeit schaffen, Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen, ist schon ein kleiner Schritt getan.»
Tut Mai und Simon Ocheti nehmen auch den Schweizer Staat in die Verantwortung: «Die Schweiz pflegt bilaterale Beziehungen zu Südsudan», erklärt Simon Ocheti, «sowohl über die Afrikanische Union wie auch die UNO. Sie kann Druck auf die Regierung im Südsudan ausüben, ihre Aufgaben wahrzunehmen und Frieden zu schaffen. Denn nur mit Frieden ist in einem Land Entwicklung möglich.»
Südsudan: die Kraft der Hoffnung im Krieg