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Über Schweigen oder Reden entscheiden nicht Pfarrpersonen

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14.02.2018
Ein früherer Gefängnisseelsorger wurde verurteilt, weil er Informationen weitergab. Das ist zwar grundsätzlich verboten – aber nicht ganz immer. Es ist eine oft verfilmte Entscheidung, unter anderem von Alfred Hitchcock im berühmten «I confess» oder «Zum Schweigen verurteilt»: Darf ich in mich gesetztes Vertrauen verletzen, um andere möglicherweise zu schützen? Oder verdient mein Schützling meinen Schutz eher?

Weil er die erste Frage f√ľr sich bejahte, musste ein ehemaliger Seelsorger der Berner Justizvollzugsanstalt Thorberg im Alter von 80 Jahren Anfang Februar vor dem Z√ľrcher Bezirksgericht antreten. Er habe unerlaubte Aussagen √ľber einen ehemaligen H√§ftling gemacht, lautete die Anklage. Der Richter sprach den Pfarrer der Amtsgeheimnisverletzung schuldig.

Pfarrer verurteilt

Die Polizei verd√§chtigte einen 54-j√§hrigen Mann, im vergangenen Mai in Dietikon eine Frau √ľberfallen, beraubt und sexuell gen√∂tigt zu haben. Sie wandte sich an den ehemaligen Thorberg-Pfarrer. Dieser hatte den Verd√§chtigten im Gef√§ngnis als Seelsorger betreut und danach noch privat Kontakt gepflegt. Nun gab er der Polizei √ľber den gesuchten Mann Auskunft und √ľberreichte ihr zus√§tzlich ein psychiatrisches Gutachten aus den 80er-Jahren ‚Äď ohne zuvor beim Verd√§chtigen selbst oder bei der zust√§ndigen Stelle um eine Entbindung vom Amtsgeheimis zu ersuchen.

Das tat er erst im Nachhinein ‚Äď und gestand vor Gericht ein, dass dies ein Fehler war. Das best√§tigt Martin Koelbing, Beauftragter f√ľr kirchliche Angelegenheiten beim Kanton Bern. Eine ratsuchende Person m√ľsse ¬ęabsolut sicher¬Ľ sein k√∂nnen, dass ihre Seelsorgerin oder ihr Seelsorger f√ľr sich beh√§lt, was sie ihm oder ihr anvertraut. ¬ęDas bedeutet, dass nichts und niemand auf der Welt, auch keine vorgesetzte Beh√∂rde einen Seelsorger zu einer Aussage verpflichten kann¬Ľ, sagt Koelbing.

Erlaubnis zum Reden ist möglich

Eine Ausnahme gebe es aber: Wenn die Pfarrperson selbst um Entbindung ersuche. Denn wenn sie in ein Dilemma kommt, muss sie abw√§gen. ¬ęWas ist wichtiger, wenn der Seelsorger mit einer Aussage ein Leben retten und sch√ľtzen kann, das sonst bedroht w√§re: der Schutz des Sch√ľtzlings oder der Schutz des von ihm Bedrohten?¬Ľ Komme die Pfarrperson zum Schluss, dass nur eine Aussage grosses Unheil abwenden kann, m√ľsse sie um die Befreiung vom Seelsorgegeheimnis ersuchen, sagt Martin Koelbing.

Dass sie nicht einfach selbstm√§chtig aussagen k√∂nne, diene ihrem eigenen Schutz: ¬ęEs ist eine Art Vier-Augen-Prinzip: Eine vorgesetzte Person muss die Situation w√ľrdigen und entscheiden.¬Ľ Je nach Seelsorgestelle sei das eine andere, f√ľhrt Martin Koelbing die Situation im Kanton Bern aus: Bei Gef√§ngnissseelsorgern die kantonale Polizei- und Milit√§rdirektion, bei Spitalseelsorgern die Kantons√§rztin der Gesundheits- und F√ľrsorgedirektion, bei Regionalpfarrpersonen die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion und bei den Gemeindepfarrpersonen der Synodalrat. Bei den r√∂misch- und christkatholischen Pfarrpersonen schliesslich m√ľsse der Bischof entscheiden.

Dass Sch√ľtzlinge um den Verrat ihrer Geheimnisse f√ľrchten m√ľssen, sei aber nicht h√§ufig. ¬ęBei Geistlichen ist die Entbindung vom Amtsgeheimnis sehr selten, das kommt im Kanton Bern alle paar Jahre mal vor¬Ľ, sagt Koelbing. Sie unterliegen einem Spezialfall des Amtsgeheimnis, dem Seelsorgegeheimnis. Und dieses geh√∂re zum Kern ihres Berufes.

Marius Schären/reformiert.info

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