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Wenn Fake News und Gerüchte tödlich enden

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22.10.2018
Religiöse Verschwörungstheorien gibt es von der Antike bis heute. Ihr Gerüst aus Lügen, Ängsten und Gewalt kostete Hunderttausenden das Leben.

Die Christen z√ľndeten Rom an

64 nach Christus brennt Rom, viele Quartiere der Hauptstadt des R√∂mischen Reiches werden zerst√∂rt. Schon bald kommt das Ger√ľcht auf, dass Kaiser Nero den Brand gelegt habe. Der Verdacht verdichtet sich, denn das Feuer brach an mehreren Stellen gleichzeitig aus und viele der alten, stinkenden Stadtteile waren Nero ein Gr√§uel. Nero lenkt das Misstrauen der Bev√∂lkerung auf eine neue Sekte. Er beschuldigt die Christen der Brandstiftung und l√§sst sie √§usserst brutal hinrichten. Der Brand von Rom wird zum Fanal der ersten Christenverfolgung.

Ritualmord an Kindern

Die Legende des Ritualmords richtete sich immer wieder gegen religiöse Minderheiten. In der Antike beschuldigen Griechen und Römer die Juden des Kindsmordes, später die Christen. 

Ihren H√∂hepunkt feiert diese Verschw√∂rungstheorie im Mittelalter mit der abstrusen Behauptung, Juden brauchten das Blut von Christenkindern f√ľr ihre Mazzen am Pessachfest. 1144 taucht im englischen Norwich erstmals der Vorwurf auf, Juden h√§tten zum Pessachfest ein Kind entf√ľhrt und gemartert wie Christus am Kreuz. Thomas von Monmouth erschafft um 1150 diese Legende, er will mit der M√§rtyrergeschichte wundergl√§ubige Pilger anlocken.¬†

Als Reaktion kommt es zu Pogromen an der j√ľdischen Bev√∂lkerung. Das L√ľgengeflecht vom Ritualmord verbreitet sich √ľber ganz Europa. Juden werden inhaftiert, gefoltert und hingerichtet. Die Legende verbindet Antisemitismus und Hass auf eine Minderheit mit der magischen Vorstellung, dass das Blut von Kindern oder Christi n√∂tig sei f√ľr das Heil. Nur wenn Blut fliesse, sei der Mensch mit Gott vers√∂hnt.

Juden vergifteten die Brunnen

Im Mittelalter raffen die Pest und Cholera unz√§hlige Menschen dahin. In den verdreckten, engen St√§dten verbreiten sich die Seuchen rasant. Der Schwarze Tod w√ľtet in Europa. Vielerorts macht das Wasser der Brunnen krank.

Bald hat die Bev√∂lkerung die Schuldigen dieser Krankheiten ausgemacht: Die Juden, denen man Heimt√ľcke, Schadenszauber und Feindschaft gegen die Christenheit unterstellt. 1321 wird in S√ľdfrankreich erstmals den Juden vorgeworfen, die Brunnen zu vergiften. Die Mauren und T√ľrken h√§tten sie daf√ľr bezahlt. Hunderttausende Juden werden verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Rund 350 j√ľdische Gemeinden in Europa werden ausgel√∂scht.

Auch in der Schweiz breitet sich die M√§r der Brunnenvergiftung aus. 1348 werden die ersten Juden in Lausanne und Chillon am Genfersee verhaftet. Ein j√ľdischer Arzt gesteht unter Folter, das Gift zusammengebraut zu haben. Der Verdacht der Brunnenvergiftung greift auf Freiburg im Breisgau, Strassburg, Zofingen, Solothurn, Bern und Basel √ľber. 1349 l√§sst der Rat von Basel 600 Juden auf einer Sandbank im Rhein verbrennen. 130 j√ľdische Kinder werden zwangsgetauft.

Als Frauen zu Hexen wurden

Nicht nur im Mittelalter, sondern vor allem in der anbrechenden Neuzeit kursiert die Theorie, dass Frauen einen Bund mit dem Teufel eingehen. In ganz Europa beschuldigen der Klerus, die R√§te und die Bev√∂lkerung die Frauen, mit dem Teufel eine Buhlschaft, also Geschlechtsverkehr, zu pflegen. Mit Schadenszauber h√§tten sie ihre Nachbarn und Tiere verhext. Und am Hexensabbat w√ľrden sie mit dem Besen durch die Nacht fliegen. Zehntausende werden hingerichtet. Der Dominikanerm√∂nch Heinrich Kramer fasst den grassierenden Hexenwahn im ¬ęHexenhammer¬Ľ zu einem pseudowissenschaftlichen Werk zusammen. Das Substrat aus sexueller Perversit√§t, Hass auf Frauen und Hexenglauben beeinflusst Jahrhunderte lang die Rechtsprechung. Die letzte Hexe Europas wird 1782 in Glarus hingerichtet. Heute gibt es Hexenglaube noch in Teilen Afrikas.

Die Verschwörung der Katholiken und Jesuiten

Im 16. Jahrhundert tritt Heinrich VIII. zum protestantischen Glauben √ľber. Der Papst hatte sich geweigert, seine Ehe mit K√∂nigin Katharina von Aragon zu annullieren. Heinrich bricht mit Rom und ernennt sich selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche. Er l√§sst Kl√∂ster schliessen und verfolgt die Katholiken.

Auch im Adel regt sich Widerstand, vor allem in den Familien Pole und Courtenay. Heinrich VIII. l√§sst einige Mitglieder der Familie verhaften, foltern und wegen der Unterst√ľtzung der Katholiken und Hochverrats hinrichten.

1678 taucht die Papisten-Verschw√∂rung abermals auf: Der korrupte anglikanische Pfarrer Titus Oates behauptet, er habe eine Konspiration aufgedeckt, Katholiken wollten K√∂nig Karl II. ermorden. Die Vorw√ľrfe verbreiten sich rasch.
Oates nennt zahlreiche Namen von Jesuiten. 1664 bricht in England die Pest aus, 1666 brennen grosse Teile Londons nieder. Die Verschw√∂rungstheorie von den feindlichen Agenten des Papstes, die in England ihr Unwesen treiben, bekommt Auftrieb. Angst und Hysterie breiten sich aus und bestimmen die Politik. Befl√ľgelt beschuldigt Oates etliche Prominente. Als er selbst die K√∂nigin beschuldigt, l√§sst ihn Karl II. ins Gef√§ngnis werfen. Trotzdem beschliesst das Unterhaus, dass Katholiken nicht mehr den beiden H√§usern des Parlamentes angeh√∂ren d√ľrfen.¬†

Mitte der 1840er-Jahre schwappen die antikatholischen Verschw√∂rungstheorien in die Neue Welt √ľber. Protestantische Geheimgesellschaften um den New Yorker Rechtsanwalt Charles Allen bek√§mpfen den Einfluss der irischen Einwanderer und der katholischen Kirche. Die ¬ęKnownothings¬Ľ behaupten, die Katholiken w√§ren Teil der Verschw√∂rung des Papstes gegen die liberalen Werte der USA. Sie erschweren den Katholiken den Weg einer politischen Laufbahn und eine Karriere in der Gesellschaft. John F. Kennedy war 1960 der erste katholische Pr√§sident der USA.

Die Loge und der Satan

Vor der Feder von L√©o Taxil ist niemand gefeit. In seiner Schm√§hschrift ¬ęDie geheimen Liebschaften von Pius IX.¬Ľ nimmt der franz√∂sische Autor den Papst aufs Korn. Doch dann wandelt Taxil sich vom Saulus zum Paulus. Taxil outet sich als treuer Sohn der Kirche. Als Schriftsteller nimmt er sich die Freimaurer vor, die ihn wegen unsauberer Gesch√§fte aus der Loge ausgeschlossen hatten. Taxil verleumdet die Loge und ver√∂ffentlicht angebliche Enth√ľllungen √ľber geheime satanische Riten. Er wirft den Freimaurern vor, Luzifer zu verherrlichen und Schwarze Messen zu feiern, und untermauert seine Behauptungen mit angeblichen Augenzeugenberichten. Taxils Verschw√∂rungstheorie sollte noch lange fortbestehen.

Die Protokolle der Weisen von Zion

Das Ende des Mittelalters, die Aufkl√§rung, die Trennung von Kirche und Staat und der aufkommende Liberalismus √§ndern wenig am Antisemitismus. Immer neue Verschw√∂rungstheorien sch√ľren den Hass auf die Juden. 1903 erscheinen im russischen Zarenreich die geheimen Dokumente eines angeblichen Treffens von j√ľdischen Weltverschw√∂rern. 1921 entlarvt die ¬ęTimes¬Ľ die ¬ęProtokolle der Weisen von Zion¬Ľ als F√§lschung.¬†

Trotzdem verbreitet sich die antisemitische Verschw√∂rungstheorie von den Juden, welche die Weltherrschaft anstreben in Europa und den USA. Juden wie Karl Marx, Charles Darwin und Friedrich Nietzsche wird vorgeworfen, mit ihren Lehren die Gesellschaft zu zersetzen. Dazu w√ľrden Juden die Wirtschaft unterwandern und das Geld verknappen. Die Nationalsozialisten machen die Protokolle der Weisen von Zion zur Grundlage ihres Rassenwahns.

Der Mädchenhandel von Orléans

1969: Studenten protestieren auf den Strassen, die sexuelle Revolution setzt neue Normen. Da kommt die Nachricht, dass 28 Mädchen  in Orléans verschwunden seien. Angeblich hätten sie ein Modegeschäft aufgesucht und seien in den Umkleidekabinen betäubt und im Keller gefangen gehalten worden. Dann habe man sie mit einem U-Boot nach Tanger gebracht, wo sie als Prostituierte arbeiten. Später wird behauptet, die Besitzer des Geschäftes seien Juden.

Anhand dieser Geschichte zeigt der Soziologe Edgar Morin, wie solche Verschw√∂rungstheorien entstehen: Hintergrund dieser Fiktion sind mehrere Vorkommnisse. In den 1960er-Jahren machen Aktivisten in Frankreich auf den ¬ęWeissen Sklavenhandel¬Ľ aufmerksam. Der Schriftsteller Stephen Barlay greift dieses Thema in seinem Roman ¬ęDie Sex-H√§ndler¬Ľ auf und die Boulevardpresse befeuert den Skandal. Den Kern der Verschw√∂rungstheorie findet Morin in einer M√§dchenschule. Dort berichten die M√§dchen, dass ihnen dies passiert sei. Fantasien befl√ľgeln die Geschichte. Besorgte M√ľtter verbreiten die Ger√ľchte, denn die Mini-Mode und die sexuelle Freiz√ľgigkeit geben in der franz√∂sischen Provinz Anlass f√ľr die wildesten Spekulationen.¬†

Die Ermordung von Papst Paul I.

1978 wird Johannes Paul I. zum Papst gew√§hlt. Doch im selben Jahr stirbt er. Sein Nachfolger wird Johannes Paul II. W√§hrend im Vatikan die Gesch√§fte weitergehen, beginnen die Verschw√∂rungstheorien. Hatte man Albino Luciani, wie der Papst mit b√ľrgerlichem Namen hiess, ermordet? Warum verweigern der Vatikan und die Familie die Obduktion? 1984 ver√∂ffentlicht David Yallop das Buch ¬ęIm Namen Gottes¬Ľ. Er behauptet, Papst Johannes Paul I. habe die korrupten Machenschaften der Vatikanbank aufgedeckt und sei deshalb ermordet worden. Bis heute h√§lt sich diese Version der Geschichte.

Tillmann Zuber, Kirchenbote, 22.10.2018

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