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Wie Sakralbauten das Stadtbild prägen

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15.02.2017
Die Sichtbarkeit der Religionen in den Schweizer Städten hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert. Der Kunsthistoriker Johannes Stückelberger über Kirchen, Synagogen und Moscheen.

Herr St√ľckelberger, Sie haben in einer Studie die Entwicklung von Sakralbauten in Schweizer St√§dten untersucht. Welche Transformationen haben die Kirchen von 1850 bis 2015 durchlaufen, die sich auch auf das Stadtbild ausgewirkt haben?
Der Standort der Kirchen hat sich ver√§ndert. Im 19. Jahrhundert wurden Kirchen an st√§dtebaulich wichtigen Pl√§tzen oder Strassen gebaut, wo sie prominent in Erscheinung traten. Im 20. Jahrhundert wurden sie st√§rker in die Quartiere integriert. Das hat zur Folge, dass j√ľngere Kirchen im St√§dtebau weniger sichtbar sind. Ein extremes Beispiel ist die Lukaskirche in Basel. Sie ist in ein Mehrfamilienhaus integriert und von aussen als Kirche nicht erkennbar.

Gibt es weitere Veränderungen?
Im 19. Jahrhundert hat man vor allem in reformierten St√§dten Kapellen und Kl√∂ster, die seit der Reformation nicht mehr genutzt wurden, abgerissen. Das hat das Bild der St√§dte ver√§ndert. Kirchen wurden aber auch neuen Nutzungen zugef√ľhrt. So beherbergt etwa die Basler Barf√ľsserkirche seit √ľber hundert Jahren das Historische Museum der Stadt.

Sie haben auch die Transformation anderer Sakralbauten untersucht. Wie haben sich Synagogen im Schweizer Stadtbild entwickelt?
Bis 1850 war das Erschenungsbild der St√§dte stark konfessionell. Mit der Einf√ľhrung der Religionsfreiheit √∂ffneten sich die St√§dte auch f√ľr andere Konfessionen. Die j√ľdischen Gemeinden beispielsweise erhielten im 19. Jahrhundert prominente Baupl√§tze f√ľr ihre Synagogen, sei es in Basel, Bern, Z√ľrich oder Genf. Dass sie mit ihren Sakralbauten in den St√§dten erkennbar sein durften, ist Ausdruck ihrer Assimilation.

Welche Auswirkungen hatte der Zweite Weltkrieg auf den Bau der Synagogen?
Nach dem Krieg wurden insbesondere in Deutschland nicht mehr viele neue Synagogen gebaut. In j√ľngerer Zeit spielen sie im St√§dtebau wieder eine wichtigere Rolle. Ein Beispiel daf√ľr ist eine 2010 neu eingeweihte Synagoge in Genf, ein anderes der Neubau einer Synagoge mitten in der Altstadt von M√ľnchen.

Sie haben auch die Entwicklung von Moscheen untersucht. Zu welchen Erkenntnissen kam da die Studie?
Sichtbare Moscheen mit Minarett gibt es in der Schweiz nur wenige, eine in Z√ľrich, eine andere in Genf. Wenn Religionsgemeinschaften mit ihren Sakralbauten in der √Ėffentlichkeit nicht auffallen, ist dies ein Zeichen daf√ľr, dass sie es vorziehen, √∂ffentlich nicht in Erscheinung zu treten. Vielleicht, weil sie wissen, dass sie mit ihren Bauten anecken k√∂nnten. Die Unsichtbarkeit der Moscheen hat aber oft auch finanzielle Gr√ľnde; Immigrantengemeinden haben oft nicht genug Geld f√ľr Neubauten.

In Köln wird eine Zentralmoschee gebaut. Findet da ein Wandel statt?
Ich glaube ja. Dieser Bau ist ein Zeichen f√ľr ein neues Selbstbewusstsein der Muslime in dieser Stadt. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: In Hamburg kaufte eine muslimische Gemeinde eine Kirche und hat diese zu einer Moschee umgebaut. Mehr Sichtbarkeit f√ľr Muslime im St√§dtebau wird auch in der Schweiz zu einem Thema werden.

An der Tagung ¬ęReligi√∂se R√§ume im Wandel¬Ľ an der Uni Bern gibt es auch Referate √ľber Tempel und Pagoden oder √ľber die hybride Nutzung von Kirchenr√§umen.
Im Forschungsprojekt haben wir uns auf Sakralbauten der abrahamitischen Religionen konzentriert. Sie sind aber nur ein Teil der städtischen Sakraltopographien. Die Situation heute ist viel bunter und vielfältiger. An der Tagung diskutieren wir diese neue Situation aus kunsthistorischer, städtebaulicher, religionswissenschaftlicher und theologischer Perspektive.

Was muss man sich unter Räumen hybrider Religionen vorstellen?
Darunter sind R√§ume zu verstehen, die sich verschiedenen Religionspraktiken √∂ffnen. Viele Menschen geh√∂ren heute keiner Kirche mehr an, bezeichnen sich aber trotzdem als religi√∂s. Sie besuchen in den Kirchen zwar nicht den Gottesdienst, suchen das Gotteshaus aber auf, um eine Kerze anzuz√ľnden oder den Raum auf sich wirken zu lassen. Zu diesen R√§umen z√§hlen auch die multireligi√∂sen Sakralr√§ume oder R√§ume der Stille in Spit√§lern, Altersheimen und Flugh√§fen, aber auch die Bahhofkirche in Z√ľrich, die allen Personen, gleich welcher Religion, offen stehen.

Nicola Mohler / reformiert. / 15. Februar 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ¬ęreformiert.¬Ľ, ¬ęInterkantonaler Kirchenbote¬Ľ und ¬ęref.ch¬Ľ.

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