News aus Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Zentralschweiz, Schaffhausen

«Wir brauchen eine Kirche, die Hoffnung gibt»

von Mirjam Messerli / reformiert.info
min
12.11.2022
Auch wenn für alles gesorgt ist, brauchen Menschen den Glauben, sagt Najla Kassab, Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen im Interview. Kassab war zu Gast in Bern.

Frau Kassab, die evangelisch-reformierte Kirche und die katholische Kirche in der Schweiz verlieren Mitglieder. Brauchen wir keine Kirche mehr?
Doch, wir brauchen eine Kirche, die etwas bewirkt, die Freude macht und die Hoffnung gibt. Es wird immer eine L├╝cke im Leben der Menschen geben, die nur Gott f├╝llen kann. Der Mitgliederschwund in den Kirchen ist ein Ph├Ąnomen, das mit der Frage zusammenh├Ąngt, welche Art von Kirche wir brauchen. Ich denke, die Menschen wollen eine Kirche, die ihre t├Ąglichen Fragen und Sorgen ernst nimmt, die ihnen in ihrem Schmerz und in ihrem t├Ąglichen Kampf hilft.

Trotz vieler Krisen in der Welt leben wir in der Schweiz immer noch fast im Paradies. Hat dies Ihrer Meinung nach Auswirkungen auf den Stellenwert der Kirche und des Glaubens?
In der Schweiz haben die Menschen alle M├Âglichkeiten, ein w├╝rdiges Leben zu f├╝hren. Aber es bleibt dabei trotzdem immer noch die Frage nach dem Sinn des Lebens, mit der viele Menschen k├Ąmpfen ÔÇô auch in der Schweiz. Die Kirche kann helfen, Antworten zu finden. Auch wenn f├╝r alles gesorgt ist, erleben Menschen oft eine Leere und brauchen den Glauben, um ganzheitlich leben zu k├Ânnen.

Wie sollte die Kirche Ihrer Meinung nach reagieren, wenn sich immer mehr Menschen von ihr abwenden?
Die Kirche ist aufgerufen, sich zu fragen, warum dies geschieht. Sie muss den Mut haben, zu reflektieren, ob und wie sie die Menschen erreicht. Wie wirkungsvoll geben wir unsere Botschaft weiter? Beantworten wir die Fragen der Menschen? Laden wir sie ein, einen Dienst in der Kirche zu ├╝bernehmen oder sind sie nur G├Ąste?

In Ihrer Begr├╝ssungsansprache an die Synode sagten Sie: ┬źWir brauchen eine wirksame Kirche.┬╗ Was ist f├╝r Sie eine wirksame Kirche?
Eine Kirche, die regelm├Ąssig pr├╝ft, wer im Leben der Kirche am Rande steht. Die Kirche soll nicht nur f├╝r die Fremden um uns herum gastfreundlich sein, sondern auch f├╝r diejenigen, die sich inmitten der Gemeinschaft des Glaubens fremd f├╝hlen.

Was kann und soll die Kirche in Zeiten der Krise tun?
Sie ist dazu aufgerufen, alle ihre Ressourcen f├╝r die W├╝rde der Menschen einzusetzen. Sie hilft, als starke Gemeinschaft zusammenzukommen im Vertrauen darauf, dass Gott die Quelle der Kraft bleibt, und dass der Schmerz nicht das letzte Wort hat. Nicht Tod, sondern Auferstehung. Die Konzentration auf die Auferstehung ist das, was die Kirche zu einer hoffnungsvollen Kirche macht.

Wie erleben Sie die Situation der Kirche in Ihrem Heimatland Libanon?
Die Kirche im Libanon hat mit vielen Krisen zu k├Ąmpfen. Die Wirtschaftskrise, die durch Covid ausgel├Âst wurde, hat das Leben der Menschen ersch├╝ttert und sie in Armut, Instabilit├Ąt und Unsicherheit ├╝ber die Zukunft gest├╝rzt. F├╝r mich ist die Kirche im Libanon eine Kirche am Kreuz und im Schmerz.

Die Frauen in den Kirchen waren auch ein Thema in Ihrem Grusswort. Warum ist es notwendig, Frauen in den Kirchen zu st├Ąrken, wie Sie sagen?
Frauen sind Schl├╝sselpersonen in den Kirchen. Eine grosse Zahl von ihnen nimmt am kirchlichen Leben teil, oft sogar eine Mehrheit von Frauen. Dennoch werden ihnen oft keine F├╝hrungsaufgaben ├╝bertragen, und in einigen Kirchen wird ihnen die Ordination verweigert. Wenn wir eine gesunde und zukunftsf├Ąhige Kirche haben wollen, m├╝ssen wir Frauen dazu einladen, ihre Talente auf allen Ebenen einzusetzen.

Viele Menschen sind besorgt ├╝ber die Zukunft oder haben sogar Angst vor ihr. Was k├Ânnen Sie ihnen als Pastorin mitgeben?
Die fr├╝hen Kirchen hatten auf ihrem ganzen Weg Angst und standen vor Herausforderungen. Wir m├╝ssen darauf vertrauen, dass Gott mit uns ist. Und wir m├╝ssen uns auf unseren Auftrag fokussieren, den Christus f├╝r uns vorgesehen hat.

Mirjam Messerli / reformiert.info

Unsere Empfehlungen

69-Jährige im neuen Look

69-Jährige im neuen Look

Das «Wort zum Sonntag» gehört zu den ältesten Sendungen von SRF. Jetzt wurde ihr Auftritt optisch überarbeitet. Über die alte Sendung in neuem Glanz.