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«Wir massen uns nicht an, moralisch zu werten»

von Sandra Hohendahl-Tesch/reformiert.info
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30.11.2022
Kirchenrätin und Pfarrerin Esther Straub erklärt im Interview, warum assistierter Suizid mit dem kirchlichen Dienst vereinbar ist, das Thema theologisch aber kontrovers bleibt.

Frau Straub, die Z√ľrcher Landeskirche positioniert sich in der Handreichung f√ľr Seelsorgende liberal zum assistierten Suizid. 2011 noch hielt der Kirchenrat fest, dass ¬ęSuizidbeihilfe keine seelsorgliche T√§tigkeit und unvereinbar mit dem kirchlichen Dienst¬Ľ sei. Was ist passiert?
Der assistierte Suizid ist kein Tabu mehr. Die Zeitung ¬ęreformiert.¬Ľ hat 2008 und 2014 repr√§sentative Umfragen zum Thema gemacht, an denen wir uns in der aktuellen Debatte unter anderem orientiert haben. Sie zeigen, dass die reformierte Bev√∂lkerung ihre Haltung gegen√ľber diesem Thema ge√§ndert hat. Eine klare Ablehnungshaltung kippte in eine deutliche Zustimmung zur M√∂glichkeit des assistierten Suizids. Wir wollen nahe bei den Menschen sein und dieser neuen Realit√§t Rechnung tragen. Jeder Mensch, der das w√ľnscht, wird von der reformierten Kirche seelsorglich begleitet. Auch Menschen, die sich entscheiden, mit assistiertem Suizid aus dem Leben zu scheiden und Seelsorgebegleitung suchen. Niemand soll alleine gelassen werden.

Ausgangspunkt f√ľr die Handreichung war eine Fachtagung im Januar 2021. L√§sst die lange Entstehungszeit den Schluss zu, dass die Diskussion im Kirchenrat sehr kontrovers gef√ľhrt wurde?
Nein. Dass es fast zwei Jahre gedauert hat, bis die Handreichung nun vorliegt, hat vielmehr mit einer breiten Beteiligung der Seelsorgenden und mit Personalwechseln zu tun. Im Kirchenrat war die Handreichung in ihrer Haltung zur Seelsorge bei assistiertem Suizid unbestritten.

Was ist aus kirchlicher Sicht¬†die wichtigste Bef√ľrchtung in Bezug auf Sterbehilfe?
Die Handreichung weist daraufhin, dass der Suizidwunsch wohlerwogen sein muss und nicht unter äusserem Druck stehen darf. Sie zählt Themen auf, die beschäftigen können, wie etwa die Angst, anderen Menschen physisch oder finanziell zur Last zu fallen.

Kann ein Seelsorgender eine Sterbebegleitung mit assistiertem Suizid auch ablehnen?
Zu dieser Frage der Gewissensnot hat sich der Kirchenrat im Zusammenhang der Ehe f√ľr alle klar ge√§ussert. Wenn eine Pfarrperson gegen ihre eigene √úberzeugung handeln muss, ist das f√ľr eine Seelsorgebegleitung keine gute Voraussetzung.¬†Wenn es einer Seelsorgerin oder einem Seelsorger aus pers√∂nlicher Glaubens√ľberzeugung nicht m√∂glich ist, eine Person seelsorglich zu begleiten, wendet er oder sie sich an die zust√§ndige Stelle: Diese sucht dann eine geeignete Begleitung, die den Seelsorgeauftrag wahrnimmt. Auch das ist in der Handreichung beschrieben und folgt dem Artikel zur Gewissensnot in der Kirchenordnung.

Haben Sie Verst√§ndnis f√ľr solche Gewissensn√∂te?
Ja, so wie ich auch Menschen gegen√ľber, die den Weg des assistierten Suizids gehen, Respekt und Verst√§ndnis habe. Es sind keine einfachen Situationen, und der Kirchenrat masst sich nicht an, moralisch zu werten. Der Fokus liegt auf dem Auftrag der Seelsorge. Sie soll jedem Menschen zukommen und niemandem verweigert werden.

Und doch bleibt der Umgang mit Suizid theologisch eine Herausforderung f√ľr die Seelsorge. Welcher Gedanke kann auf den Punkt gebracht Seelsorgende, die damit hadern, ermutigen?
In der Handreichung steht der Satz, Seelsorge vertraue darauf, dass die menschlichen Ambivalenzen in Gottes Liebe und Barmherzigkeit aufgehoben sind.

Ist es aus theologisch-biblischer Sicht mit dem Willen Gottes als unserem Schöpfer kompatibel, dass wir selbstbestimmt sterben können?
In der Handreichung laden einschl√§gige Bibeltexte zur Auseinandersetzung ein, zum Beispiel Hiob 30,20-26 oder R√∂mer 8,38-39. Jeder Mensch ist auf seine Weise mit Gott im Gespr√§ch. Die Mehrzahl der Menschen in der Schweiz ist heute am Lebensende mit Entscheidungen in Bezug auf lebensverl√§ngernde Massnahmen konfrontiert. Die Entscheidungen reichen vom Verzicht auf eine Antibiotikatherapie bei einem alten Menschen mit Lungenentz√ľndung bis zum Abstellen lebenserhaltender Maschinen bei einem jungen Unfallopfer. Assistierter Suizid ist eine weitere Entscheidung, allerdings ein aktiverer Schritt.

Glauben und ein Entscheid f√ľr assistierten Suizid schliessen sich demnach nicht per se aus?
Zu den Mitbegr√ľndern von Exit geh√∂rte auch ein Pfarrer. In der Handreichung geht es darum, Menschen, die den assistierten Suizid w√§hlen, nicht den Glauben abzusprechen, sondern sie in ihrem Bed√ľrfnis nach seelsorglicher Begleitung ernst zu nehmen und Raum zu √∂ffnen f√ľr ihr Gespr√§ch mit Gott.

Interview: Sandra Hohendahl-Tesch/reformiert.info

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