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Politik

«Wir sollten keine Mauern hochziehen»

Grossbritannien hat entschieden, die EU zu verlassen. Pfarrerin Catherine McMillan ist in Schottland geboren und hat einen britischen Pass. Sie ist schockiert und sieht wichtige Aufgaben für die Kirchen.

Catherine McMillan, die Briten haben dem Brexit zugestimmt.
Ja, das ist traurig und für mich ein Riesenschock. Das kann viele Probleme geben, auch für die Ärmsten in Grossbritannien. Und die Gefahr besteht, dass nun andere europäische Länder folgen werden. Dieser Entscheid ist einfach nur doof: Die europäischen Länder sind so klein, wenn die stärkeren weggehen, haben kleine wie Griechenland noch weniger Chancen.

Sie sind gebürtige Schottin. Warum haben die Schotten den Brexit klar abgelehnt?
Schottland war schon immer näher beim Kontinent als England und hielt es eher mit Frankreich. Schottland ist tendenziell sozialer und auch offener gegenüber Migranten.

Was war die Haltung der schottischen Kirche?
Ich predigte letzte Woche noch in Schottland in der Church of Scotland zum Reformationsjubiläum. Die Church of Scotland ist die reformierte Kirche Schottlands. Sie lehnte den Brexit deutlich ab, ein schottischer Kollege hatte sogar eine Predigt dagegen gehalten. Hier kann man ihre Reaktion auf den Brexit nachlesen. Aber auch in Schottland sah ich viele «Leave»-Schilder. Beim Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands war die Kirche übrigens noch gespalten, beim Brexit nicht mehr.

Die Konferenz der europäischen Kirchen betont in einer Mitteilung, dass nun die Kirchen die Vision eines geeinten, humanen Europas hochhalten und auch den Diskurs darüber führen und unterstützen müssen.
Ja unbedingt. Wir sind alles nur Menschen, wir sollten keine Mauern hochziehen. Die Kirchen müssen sich gegen Furcht und Angst wenden und auch eine rationale Debatte über die Migration fördern. In einem Klima der Angst sucht man ständig Sündenböcke, die aber nichts dafür können, zum Beispiel die Migranten.

Nun könnte man sagen: So what? Die Schweiz ist ja auch nicht in der EU.
Ja, das haben mir die Leute in Schottland auch gesagt. Aber die Schweiz war noch nie in der EU, Grossbritannien hingegen schon. Austreten ist etwas ganz anderes, das geht nicht so leicht. Im Übrigen: Wenn Europa wegen des Brexit schwach wird, wird auch die Schweiz schwach.

Wie historisch ist der Brexit?
Diese Abstimmung geht sicher in die Geschichte ein. Wie wichtig sie wirklich war, wird sich erst zeigen. Es sind so viele Fragen offen jetzt. Ich weiss zum Beispiel nicht, was nun mit meinem britischen Pass geschieht.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Interview: Matthias Böhni / ref.ch / 24. Juni 2016

Reaktion von Kirchenbundpräsident Gottfried Locher

Für Kirchenbundpräsident Gottfried Locher ist der Brexit ein einschneidendes, geschichtsträchtiges Ereignis, «das ein verunsichertes Europa noch mehr verunsichert», wie er auf Anfrage von ref.ch sagte. Diese neue Verunsicherung erfülle ihn mit Sorge, man wisse nicht, was jetzt passiert. Er sei erstaunt, dass der Brexit gerade zum jetzigen Zeitpunkt gekommen sei, grundsätzlich überrasche es ihn aber nicht: «Briten sind Insulaner. Sie denken anders als Kontinentaleuropäer.» Von daher sei es auch erstaunlich, dass sie sich überhaupt auf die EU eingelassen hätten. Dass London den Brexit abgelehnt habe, erklärt sich Locher, der als Pfarrer an der Swiss Church in London gearbeitet hat, einerseits durch einen Stadt-Land-Graben, andererseits auch durch Egoismus, denn London sei ein wichtiges Finanzzentrum.

Catherine McMillan
Catherine McMillan
ist seit 2013 Pfarrerin in Dübendorf ZH und Zürcher Botschafterin für das Reformationsjubiläum. Geboren in Schottland und aufgewachsen und ausgebildet in den Vereinigten Staaten, kennt sie sich ausgezeichnet in der angelsächsischen Welt aus.


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