Es geht um Krankheit und Tod – aber vor allem um das Leben
Jörg Leutwyler, wie sind Sie Spitalseelsorger geworden?
Durch Zufall. Nach meinem Theologiestudium habe ich in einer Kirchgemeinde gearbeitet, aber das war mir zu ruhig. Dann bot mir die reformierte Kirche an, mich zum Spitalseelsorger ausbilden zu lassen – mit einem Stipendium in Quebec. Und ich wollte immer schon nach Quebec. Also habe ich sofort Ja gesagt, meine Frau «mitgepackt» und bin gegangen. Im Krankenhaus habe ich mich vom ersten Moment an wohlgefühlt. Ich liebe Krankenhäuser, die Atmosphäre, die Menschen, die Begegnungen. Da wusste ich: Das gefällt mir, hier bleibe ich.
Welche Ausbildung braucht es dafür?
In der reformierten Kirche grundsätzlich ein Theologiestudium und eine Spezialisierung in Seelsorge. In der Schweiz ist das beispielsweise Clinical Pastoral Training, kurz CPT. Ich habe meine Ausbildung in Quebec gemacht, dort dauerte sie fast zwei Jahre und beinhaltete auch medizinische Ethik. Das ist für die Arbeit im Spital sehr wichtig.
Wenn Sie am Morgen ins Spital kommen: Wissen Sie, was Sie erwartet?
Jein. Es gibt eine Routine: Ich lese die Meldungen, schaue, was in der Nacht passiert ist, und gehe mit meiner Liste durch die Abteilungen. Aber dann beginnt die Überraschung. Vielleicht werde ich überall abgelehnt. Vielleicht habe ich drei unglaubliche Gespräche. Vielleicht klingelt nach zwei Minuten das Telefon und jemand braucht mich dringend. Genau das mag ich. Einen Beruf, bei dem jeden Tag dasselbe passiert, fände ich todlangweilig.
Mit welchen Anliegen kommen Menschen zu Ihnen?
Mit allem, was sie bewegt. Wir suchen die Patientinnen und Patienten auf und sind für alle da, unabhängig von Konfession und Religion. Natürlich werden wir bei Sterbefällen, zur Sterbebegleitung oder in Krisen gerufen. Aber manchmal geht es um etwas ganz anderes. Ich hatte eine Patientin, die wegen einer Knieoperation hier war. Ihr grösstes Thema war ihre Scheidung. Im Spital sind Menschen verletzlich und öffnen sich oft. Und wir Spitalseelsorgerinnen und -seelsorger haben etwas, was sonst kaum jemand hat: Zeit. Zeit, wirklich zuzuhören.
Was können Sie jemandem geben, dessen Situation Sie nicht verändern können?
Genau darum geht es: Wir können gar nichts ändern. Wir sind weder Mediziner noch Psychologen und versuchen nicht, etwas wieder gesund zu machen. Wir können zuhören, aushalten, mitfühlen und Raum geben. Ich habe einmal eine alte Dame begleitet, die wusste, dass sie sterben wird. Alle sagten ihr: «Denk positiv, es wird schon gut.» Sie sagte zu mir: «Ich bin traurig und brauche Raum für diese Traurigkeit.» Sie muss bei mir nichts schönreden.
Bei Spitalseelsorge denkt man an Krankheit, Sterben und Tod. Wie viel Leben begegnet Ihnen?
Ich treffe nur Lebendige. Diese Trennung zwischen Leben und Sterben mache ich nicht. Kranke Menschen sind voll am Leben. Menschen, die sterben, auch. Und wir erleben genauso den Anfang: Zweimal pro Woche segnen wir hier im Zuger Kantonsspital Neugeborene und begegnen jungen Eltern. Leben bedeutet nicht einfach, gesund und möglichst jung zu sein. Krank sein, am Sterben sein – das ist auch Leben. Leben hat viele Facetten. Ich bin immer in Kontakt mit dem Leben.
Was muss jemand mitbringen, der diesen Beruf ausüben möchte?
Belastbarkeit. Und einen Sinn für die Tragik des Lebens. Man muss aushalten können, dass Krankheit, Verlust und Tod dazugehören. Natürlich berührt mich das. Aber wenn mich jeder Schicksalsschlag umhaut, kann ich andere nicht begleiten. Diese innere Haltung ist wichtig. Und für mich als Theologen gehört auch die Hoffnung dazu, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Es geht um Krankheit und Tod – aber vor allem um das Leben