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«Gemeinsam schweigen ist manchmal besser»

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21.06.2022
Seit acht Jahren gibt es in Olten wöchentlich «20 Minuten für den Frieden». Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine hat dieses Friedensgebet an Brisanz gewonnen.

Krieg in der Ukraine, Krieg in Afghanistan, Krieg in Syrien: Die Welt scheint nicht friedlicher geworden zu sein. Im Gegenteil, der russische Einfall in die Ukraine stellt den Westen vor neue Herausforderungen. Statt Diplomatie und Abr√ľstung beherrscht der Ruf nach Sanktionen und mehr Waffen die politische Agenda. Eine Schar Unentwegter setzt in Olten dagegen auf Beten. Seit acht Jahren treffen sich Frauen und M√§nner am Donnerstagmorgen um 10 Uhr in der Klosterkirche Olten zum Gebet. Fr√ľher fand das Friedensgebet in der Stadtkirche statt, w√§hrend des Wochenmarktes. Als die Stadtkirche umgebaut wurde, fand man in der Klosterkirche einen neuen Ort. ¬ęDer Umzug tat dem Friedensgebet gut¬Ľ, stellt Ruth Vogler fest. Hier sei die Atmosph√§re intimer, in der weitl√§ufigen Stadtkirche sei man sich etwas verloren vorgekommen.

An diesem Donnerstag sitzen zehn √§ltere Frauen und M√§nner in den B√§nken der Kapuzinerkirche. Normalerweise k√§men bis zu zwanzig Personen, erz√§hlt Eveline Sch√§rli-Fluri von der Offenen Kirche Region Olten. ¬ęWenn das Wetter wie heute sch√∂n ist, sind viele anderweitig unterwegs.¬Ľ Wegen des Krieges in der Ukraine habe die Anzahl der Besucher beim Friedensgebet nicht zugenommen.

Moment der Ruhe, um aufzutanken
Sorgf√§ltig z√ľnden die Besucher und Besucherinnen die Teelichter an und stellen sie vorne auf die Marmortreppe in der Klosterkirche Olten. Der Lichtkreis schliesst sich, w√§hrend die Teilnehmenden Friedenslieder anstimmen und sich zum Gebet sammeln. Die Liturgie der Feier ist einfach, die Rituale schlicht und nach zwanzig Minuten ist das Friedensgebet vorbei. Trotzdem sch√§tzen viele der Besucher diese Z√§sur in ihrem Morgen. Sie k√∂nne hier auftanken und geniesse den Moment der Ruhe, Besinnung und Einkehr, erz√§hlt eine Teilnehmerin. F√ľr andere wurde das Friedensgebet zu ihrem w√∂chentlichen spirituellen Ort: ¬ęDie langen Predigten bringen manchmal wenig, da ist es besser, gemeinsam zu schweigen.¬Ľ

Besonders gesch√§tzt werde der Kontakt untereinander, aus dem ab und zu Freundschaften entstehen, erz√§hlt Eveline Sch√§rli. Nach dem Friedensgebet trifft sich die Gruppe im nahen Caf√©. ¬ęWenn jemand l√§nger nicht kommt, erkundigt man sich, wie es ihm oder ihr geht.¬Ľ Auch w√§hrend der Coronapandemie fand die Feier statt, man schrieb den Leuten, dass man sie unterst√ľtzen w√ľrde, falls sie Hilfe br√§uchten.

Gegen die Ohnmacht
Mit dem Friedensgebet wollten sie gemeinsam f√ľr das Gute einstehen, erkl√§rten die Verantwortlichen vor acht Jahren. Sie seien nicht l√§nger bereit, in der allgemeinen Hilflosigkeit zu verharren. Sie wollten ein Zeichen der Hoffnung setzen und zeigen, dass sie in ihrem Engagement f√ľr den Frieden nicht alleine sind. Wie sieht dies heute aus? Daran habe sich nichts ge√§ndert, sagt Ruth Vogler. Eveline Sch√§rli r√§umt ein, dass man √ľber all die Kriege auf der Welt verzweifeln k√∂nnte. ¬ęWir vergessen oft, dass neben der Ukraine auch in Sri Lanka, Syrien, Jemen oder auf den Philippinen gek√§mpft wird.¬Ľ Trotzdem habe man nicht im Sinn, mit dem Beten aufzuh√∂ren. Oft w√ľrden sie gefragt, was dies n√ľtze. Die Frage zerm√ľrbe sie.

Ruth Vogler und Eveline Sch√§rli hoffen, dass ihre Gebete und die liturgische Feier einen Sinn haben. Vielleicht halte dies Putin von dem letzten Schritt zur√ľck, sagt Sch√§rli ¬ęWir m√ľssen daran glauben, ansonsten verzweifeln wir.¬Ľ Ausserdem sind die beiden √ľberzeugt, dass Aufr√ľstung keine L√∂sung ist. Mit Waffen erreicht man keinen Frieden, dazu braucht es noch anderes. Die Situation macht Eveline Sch√§rli w√ľtend und sie w√ľrde dann den Diktatoren am liebsten ¬ęden Kopf umdrehen¬Ľ. Dann ist sie froh, dass es das Friedensgebet gibt, in dem es Platz hat f√ľr ihre Ohnmacht und ihren √Ąrger.

Tilmann Zuber

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