Georg Vischer: Ein Kirchenmann, der sich den Herausforderungen stellte
Das Pfarramt war Vischer gewissermassen in die Wiege gelegt: Schon sein Vater amtete in Basel als Pfarrer. Geboren am 1. August 1939, studierte Georg Vischer Theologie in Basel, Tübingen und Zürich. Nach Stationen als Assistent in Wuppertal-Barmen und als Pfarrer in Buss-Maisprach kehrte er für ein Zwischenspiel in die Wissenschaft als Assistent der Praktischen Theologie in Heidelberg zurück, wo er promovierte. 1980 wurde er Pfarrer an der Theodorskirche Basel. 1992 wählte ihn die Synode zum Kirchenratspräsidenten.
Seine Amtszeit fiel in eine Phase tiefgreifenden Wandels: Als erste Kirche im deutschsprachigen Raum musste Basel Kirchgemeinden fusionieren, um Kosten zu senken. Vischer verstand es, aus der Not neuen Gestaltungsspielraum zu machen, führte Methoden des New Public Management ein und legte den Grundstein für die heute erfolgreiche Immobilien- und Investitionsgesellschaft der reformierten Kirche.
Ein Schwerpunkt seines Wirkens lag im interreligiösen Dialog. Mit dem katholischen Öffentlichkeitsbeauftragten Xaver Pfister vereinbarte er einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt der beiden Basler Landeskirchen. In der Migrationspolitik plädierte er für eine ideologiefreie, realistische Haltung und setzte sich, unter anderem an der Seite von Anita Lachenmeier und Mustafa Atici, für das Ausländerstimmrecht ein. Er war davon überzeugt, dass sich die Migration nicht verhindert liess, sondern nur «menschlicher oder unmenschlicher gestaltet werden könne». Er pochte darauf, dass Asylsuchenden weiterhin ein rechtstaatliches Verfahren zugesichert wird.
2004 trat Vischer als Kirchenratspräsident zurück, sein Nachfolger wurde Lukas Kundert. Der Ruhestand bedeutete für ihn keinen Rückzug: Er predigte weiter, etwa in der Titus-Kirche, wirkte als Islamdelegierter der Basler Kirche und präsidierte von 2003 bis 2012 die interreligiöse Dachorganisation Iras Cotis. In dieser Funktion trieb er die «Woche der Religionen» voran, die seit 2007 jährlich mit über hundert Veranstaltungen stattfindet, und war massgeblich an der Gründung des «Runden Tisch der Religionen beider Basel» beteiligt. 2011 wurde ihm dafür der Reconciliation Award der S.E.R. Foundation verliehen.
Georg Vischer sass lange in der Geschäftsleitung des Kirchenboten und unterstützte dort den Ausbau zu einer Interkantonalen Publikation. Er engagierte sich im Abstimmungskampf gegen die Minarett-Initiative und diskutierte im Kirchenbote mit SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer über die Vorlage. Das Gespräch zeugte von der Leidenschaft, mit der sich Vischer für die Menschen einsetzte.
Georg Vischer war auch an der Entstehung der «Offenen Kirche Elisabethen in Basel» beteiligt. Bei der Einweihung überreichte er einen Abendmahlskelch und -teller mit den Worten «eigentlich möchte die Offene Kirche diesen Teller umwenden, damit keiner durch einen Rand am Evangelium gehindert würde.»
Georg Vischer erkannte früh, welche Herausforderungen eine pluralistische, säkulare Gesellschaft für die Kirche bereithält – und setzte sich zeitlebens dafür ein, dass sie offen bleibt. Seine Nachfolgerin bei Iras Cotis, Rifa'at Lenzin, würdigt ihn als scharfsinnigen, offenen und liebenswürdigen Menschen.
Zum Nachlesen: Das Abschiedsinterview aus dem Kirchenratspräsidium, 2004
Im Abschiedsinterview «Ich wollte nicht polarisieren» blickt Georg Vischer 2004 auf zwölf Jahre als Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt zurück – über Mitgliederschwund, seine Vermittlerrolle und sein Engagement für Asylsuchende. > Das vollständige Gespräch aus dem Kirchenboten-Archiv als PDF.

Georg Vischer: Ein Kirchenmann, der sich den Herausforderungen stellte