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Altersseelsorge

Lilli Hochuli: «Die Alten» gibt es nicht

von Carole Bolliger
min
24.09.2026
Vier Monate lang hat sich die Pfarrerin Lilli Hochuli intensiv mit dem Alter und der Seelsorge beschäftigt. Dabei hat sie gelernt, manche Vorstellungen vom Altsein über Bord zu werfen und genauer hinzuhören, was Menschen wirklich brauchen.

Lilli Hochuli sitzt einem Ehepaar gegenüber. Beide sind um die 90 Jahre alt. Irgendwann fragt die Pfarrerin, ob die beiden auch über das Sterben und den Tod sprechen. Die Frau schaut sie irritiert an. «Nein. Wir wollen leben.» Hochuli weist auf die unterschiedliche Wahrnehmung hin. «Wir haben das Gefühl, ab einem gewissen Alter müsse man sich mit dem Tod beschäftigen.» Ihre Erfahrung ist eine andere. Auch 80-, 90- und über 100-Jährige beschäftige vor allem das Leben: Wie geht es den Kindern und den Grosskindern? Kommt bald ein Urenkel zur Welt? Wann ist das nächste Familienfest? Was geschieht in der Welt?

Zeit haben

Seit neun Jahren ist Hochuli Pfarrerin in Hochdorf mit Schwerpunkt 64 plus. Vier Monate ihres Studien­urlaubs widmete sie dem Thema Alter und Seelsorge. Eine Erkenntnis zieht sich durch ihre Arbeit: «Die Alten» gibt es genauso wenig wie «die Jungen». Jeder Mensch ist einzigartig. Die Menschenwürde steht für Hochuli im Zentrum.

Und doch prägen stereotype Bilder unsere Vorstellung vom Älterwerden, beobachtet Hochuli. Dabei werde leicht übersehen, wie unterschiedlich Menschen diese Lebensphase erlebten. Dem stellt sie den Gedanken des «Pro-Aging» entgegen: Das Alter nicht bekämpfen, sondern als Lebensphase annehmen – auch mit Falten, Verlusten und Einschränkungen. Der Wunsch, möglichst lange fit und voller Energie zu bleiben, sei verständlich. «Aber vielleicht entspricht das nicht der Realität.»

Was also brauchen alte Menschen von einer Pfarrerin? Nicht unbedingt ein Gespräch über Gott. Jedenfalls nicht sofort. «Es wird geschätzt, dass wir Zeit haben, dass wir da sind und zuhören.» Hochuli fragt nach dem Leben, nach dem, was einen Menschen beschäftigt. Dafür Zeit zu haben, betrachtet sie als Privileg der Seelsorge. Dabei wehrt sie sich gegen die Vorstellung, Seelsorgende müssten Menschen «helfen». Ihr gehe es vielmehr ums Begleiten – in guten wie in schwierigen Zeiten. Sie müsse nach einem Gespräch keine Lösung präsentieren. Und sie müsse akzeptieren, wenn jemand nach zehn Minuten genug habe oder keine Begleitung möchte. «Die Menschen entscheiden, was ihre Bedürfnisse sind.»

Nicht wie Kinder behandeln

Besonders spürbar wird diese Haltung am Lebensende. In der Palliative Care versteht Hochuli Seelsorge als Teil eines Zusammenwirkens mit Medizin und Pflege. Während andere für Medikamente und körperliche Betreuung zuständig sind, kann sie bei der Person sitzen bleiben, zuhören, über Ängste sprechen oder gemeinsam beten. «Das hat eine Qualität, die man nicht gut mit Worten beschreiben kann.»

Aus ihrem Studienurlaub nimmt Hochuli auch ganz Konkretes mit. Sie möchte noch mehr Zeit für Menschen in Altersheimen haben, insbesondere für diejenigen, die kaum Besuch bekommen. Und sie will die Gottesdienste in den Heimen bewusst anspruchsvoll gestalten. Ihr sei es wichtig, Menschen mit Demenz ernst zu nehmen und ihnen etwas zuzutrauen. Ein Gottesdienst solle alle seine Elemente behalten, auch eine Predigt. Nicht alle würden alles ver­stehen. Aber jeder nehme das auf, was für ihn in diesem Moment wichtig sei. Der Anspruch, Menschen im Heim auf Augenhöhe zu begegnen, entspreche ihrem Menschenbild und sei durch ihren Studienurlaub noch bestärkt worden.

Und was braucht es nun, um gut alt zu werden? Ein Patentrezept hat auch die Altersseelsorgerin nicht. Tragfähige Beziehungen seien wichtig. Familie, Freunde, ein Mensch, mit dem sich Sorgen und Ängste teilen lassen. Für Hochuli selbst kommt der Glaube hinzu – und die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles endet. Für ihr ­eigenes Alter wünscht sie sich deshalb vor allem drei Dinge: Gelassenheit, Zuversicht und ihren Humor. Den möchte sie unbedingt behalten.

 

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