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Markus Pfisterer zum Verhaltenskodex

Neues Schutzkonzept: Schulungen gestartet

von Carole Bolliger
min
28.10.2026
Eine Umarmung kann trösten. Sie kann aber auch eine Grenze überschreiten. Mit einem neuen Verhaltenskodex will die Reformierte Kirche Kanton Luzern Orientierung schaffen und eine Kultur fördern, in der Unsicherheiten offen angesprochen werden. 

Eine Frau hat einen nahestehenden Menschen verloren. Im Gespräch mit einer Pfarrperson sucht sie Trost und umarmt diese spontan. Wie soll die Pfarrperson reagieren? Die Umarmung erwidern? Abstand halten? «Eine starre Regel würde der Situation kaum gerecht», sagt Markus Pfisterer, Synodalrat der Reformierten Kirche Kanton Luzern.

Solche Situationen gehören zum kirchlichen Alltag. Seelsorge, Jugendarbeit oder die Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenslagen leben von Nähe und Vertrauen. Doch wo Nähe entsteht, können auch Grenzen überschritten werden. Die Reformierte Kirche Kanton Luzern hat deshalb einen Verhaltenskodex erarbeitet. Er ist Teil ihres Schutzkonzepts und soll helfen, Grenzverletzungen vorzubeugen. «Nähe ist nicht verboten und sie ist auch nicht verdächtig», betont Pfisterer. Entscheidend sei vielmehr, ob sie in der jeweiligen Situation angemessen sei. Eine Grundregel des Kodex lautet: «Der Auftrag bestimmt die Nähe zu den Menschen, die sich uns anvertrauen, nicht das eigene Bedürfnis nach Nähe.»

Keine einfachen Antworten

Der Kodex entstand in einem mehrmonatigen Prozess unter Beteiligung von Vertreterinnen und Vertretern der Kirch- und Teilkirchgemeinden. Ende August stimmte der Synodalrat dem Inhalt zu. Nun stehen die Einführung und die Schulungen an. Eine erste Pilotschulung fand am 20. Oktober statt.

Der Kodex betrifft sämtliche kirchlichen Tätigkeitsfelder, von der Kinder- und Jugendarbeit über die Seelsorge bis zur Sozialdiakonie. Auch Freiwillige, Führungspersonen und Behörden werden in die Verantwortung genommen.

Was das konkret bedeutet, zeigt sich beispielsweise bei Einzelgesprächen mit Minderjährigen. Diese sollen in einem transparenten Rahmen stattfinden. Regelmässige Einzelbegleitungen werden mit den Verantwortlichen und den Er-ziehungsberechtigten abgesprochen, Räume nicht abgeschlossen. Bei Haus- und Spitalbesuchen wiederum müssen Auftrag und Einverständnis geklärt und die Privatsphäre respektiert werden. Selbst ein Gebet oder eine Salbung setzt die Zustimmung der betroffenen Person voraus.

Doch nicht jede Situation lässt sich mit einer Vorschrift regeln. Deshalb enthält der Kodex vier Reflexionsbereiche mit mehreren Fragen zu Rolle, Information, Selbstbestimmung und Kommunikation. Sie sollen Mitarbeitenden helfen, auch in Grauzonen verantwortungsvoll zu handeln.

Auch Freiwillige einbezogen

Weshalb braucht es überhaupt einen Kodex? Sollte ein respektvoller Umgang nicht selbstverständlich sein? «Respekt sollte selbstverständlich sein. Aber Respekt allein beantwortet noch nicht jede konkrete Situation», sagt Pfisterer. Prävention müsse deshalb lange vor strafbarem Verhalten ansetzen, etwa bei unklaren Rollen, Machtgefällen oder Abhängigkeiten.

Das Personalgesetz sieht grundsätzlich eine schriftliche Verpflichtung zur Einhaltung des Verhaltenskodex für Angestellte und Ehrenamtliche vor. Die Personalverordnung hält zudem fest, dass Verstösse gemeldet werden müssen. Dafür stehen Vorgesetzte, die zuständige Stelle oder die externe Meldestelle zur Verfügung. Welche Konsequenzen folgen, hängt von Art und Schwere des Verstosses ab.

Pfisterer betont allerdings, dass der Kodex weder ein Misstrauensvotum noch ein Sanktionskatalog sei. «Ein unterschriebenes Dokument allein verändert noch keine Kultur», sagt er. Deshalb gehörten zum Schutzkonzept auch Schulungen, Strafregisterauszüge und klare Meldewege. Die Massnahmen zur Prävention sollten zudem überprüft werden. Die Kirchgemeinden sind für die Umsetzung vor Ort mitverantwortlich.

Eine Kultur des Hinschauens

Ob die Massnahmen wirken, lässt sich laut Pfisterer nicht allein an der Zahl der Meldungen ablesen. Mehr Meldungen könnten auch bedeuten, dass Menschen den Anlaufstellen vertrauen und Probleme früher ansprechen. Eine 2026 durchgeführte Studie von gfs.bern soll als Grundlage für spätere Evaluationen dienen.

Langfristig wünscht sich Pfisterer vor allem eine Veränderung im Umgang miteinander. Wer eine Situation als unangenehm empfindet oder unsicher ist, soll dies sagen können, ohne auf Abwehr zu stossen. «Ich wünsche mir eine Kultur, in der das Ansprechen einer Unsicherheit nicht als Angriff verstanden wird.» Dann wäre der Verhaltenskodex mehr als ein Regelwerk: ein selbstverständlicher Teil des kirchlichen Alltags. Und die Frage, ob eine Umarmung angemessen ist, müsste niemand allein beantworten.

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