«Wir müssen auch mal etwas wagen»
Sie ist Politologin, Kommunikationsfachfrau, Unternehmerin, ehemalige Kantonsrätin, Berufsschullehrerin und Mutter. Eine klassische Kirchenkarriere sieht anders aus. Riccarda Schaller hat denn auch noch nie im kirchlichen Umfeld gearbeitet. «Das ist eine Welt, die ich nicht gekannt habe.» Heute will sie jungen Menschen zeigen, wie vielfältig diese Welt beruflich sein kann.
Dass sie von aussen kommt, sieht Schaller als Stärke. Sie bringe Erfahrungen aus Politik, Kommunikation, Gesundheitswesen und Bildung mit. Und sie wisse, wie wichtig es sei, Menschen nicht einfach mit Informationen zu versorgen, sondern sie zu erreichen und für eine Sache zu begeistern. Gleichzeitig, betont sie, brauche es diejenigen, die die Kirche, ihre Strukturen und ihre Traditionen von innen kennen.
Was jungen Menschen wichtig ist
Besonders nahe an der Zielgruppe ist Schaller durch eine weitere Tätigkeit. Seit drei Jahren unterrichtet sie Allgemeinbildung an einer Berufsschule. Als Lehrerin – und auch als Mutter – erlebt sie, welche Fragen junge Menschen rund um Arbeit und Zukunft beschäftigen. So anders als frühere Generationen seien die heutigen Jugendlichen gar nicht, sagt sie. Sie wollten Anerkennung und Wertschätzung erhalten, Freude an ihrer Arbeit haben und sich einbringen können. Und sie seien pragmatisch: Natürlich spiele auch der Lohn eine Rolle. Gleichzeitig wollten viele etwas tun, was nützlich sei. «In diesem Sinne ist die Sinnhaftigkeit zentral.»
Genau darin sieht Schaller eine Chance für die Kirche als Arbeitgeberin. Nur: Bei der Berufswahl steht sie bei vielen Jugendlichen nicht weit oben auf der Liste. Und was sich hinter «kirchlichen Berufen» alles verbirgt, dürfte vielen kaum bekannt sein. Darauf zu warten, dass junge Menschen von selbst auf diese Möglichkeiten stossen, reicht für Schaller deshalb nicht.
Genau hier setzt das Projekt zur Förderung kirchlicher Berufe der reformierten Zentralschweizer Kirchen an. Über eine Plattform können Interessierte inzwischen elf verschiedene kirchliche Berufe kennenlernen und vor allem ausprobieren, ob einer davon zu ihnen passen könnte. Denn die Kirche als Arbeitgeberin bedeutet längst nicht nur Pfarramt oder Sozialdiakonie. Hinter einer Kirchgemeinde und einer Landeskirche stehen Menschen in ganz unterschiedlichen Berufen wie u. a. Katechet, Kirchenmusikerin, Sigrist oder Spezialseelsorger. Diese Vielfalt möchte das Projekt bekannter machen und jungen Menschen ermöglichen, mit Berufsleuten in Kontakt zu kommen und den Arbeitsalltag selbst kennenzulernen.
Dorthin gehen, wo die Jugendlichen sind
Im November wird dieser Ansatz besonders sichtbar. Dann geht die Kirche dorthin, wo Tausende Jugendliche ohnehin nach ihrer beruflichen Zukunft suchen: an die Zebi, die Zentralschweizer Bildungsmesse. Von 5. bis 8. November präsentieren sich die reformierten Kirchen der Zentralschweiz dort gemeinsam. Berufsfachpersonen und Auszubildende werden vor Ort sein, Fragen beantworten und von ihrem Berufsalltag erzählen.
Schallers Botschaft an die Jugendlichen ist dabei einfach: Wer einen Beruf sucht, in dem man «mit echten Menschen etwas echt bewegen kann», soll sich anschauen, was die Kirche zu bieten hat. Der Auftritt an der Zebi soll deshalb nicht einfach informieren. Er will neugierig machen, Begegnungen ermöglichen und im besten Fall dazu führen, dass Jugendliche anschliessend einen der Berufe selbst ausprobieren.
Denn Nachwuchs braucht die Kirche. In den kommenden Jahren werden zahlreiche Mitarbeitende der reformierten Kirchen pensioniert. In einzelnen Kantonen betrifft dies bis 2030 rund 40 bis 50 Prozent der Pfarrpersonen. Für Schaller ist deshalb klar: Die Kirche muss heute handeln, wenn sie auch morgen genügend qualifizierte Menschen für ihre vielfältigen Aufgaben gewinnen will.
Zuhören und Neues wagen
Dass man Menschen nicht erreicht, indem man ihnen einfach sagt, was gut für sie wäre, hat Schaller auch in der Politik gelernt. Zehn Jahre war sie politisch aktiv, unter anderem als Co-Präsidentin der Luzerner GLP und fast fünf Jahre als Kantonsrätin. Eine Erfahrung aus dieser Zeit begleitet sie bis heute: Menschen wollen gehört werden und sich einbringen können. Dafür müsse man einander zuhören und auf das Gegenüber eingehen. Gleichzeitig brauche Veränderung Mut. Das gilt für Schaller wie auch für die Kirche. «Wir müssen auch mutig sein und mal etwas wagen, was vielleicht noch nicht schon die letzten 50 Jahre da war.»
Die ersten Schritte sind gemacht. Mehr als 30 Einblicke in kirchliche Berufe stehen auf der Plattform bereit, weitere folgen. Die Rückmeldungen aus den Kirchgemeinden seien positiv. Doch Schaller möchte noch einen Schritt weiter gehen. Kirchgemeinden sollen nicht nur Einblicke ermöglichen, sondern auch Ausbildungsplätze schaffen und junge Menschen professionell begleiten. Denn erst, wenn aus Interesse konkrete Möglichkeiten werden, kann aus einem ersten Schnuppertag vielleicht irgendwann ein Beruf werden. Und genau darum geht es Riccarda Schaller: jungen Menschen eine Arbeitswelt zu zeigen, die viele von ihnen bisher vermutlich gar nicht als solche wahrgenommen haben, und ihnen die Möglichkeit zu geben, diese Berufe mitzugestalten und weiterzuentwickeln.
«Wir müssen auch mal etwas wagen»