Zwischen Zuversicht und Unsicherheit
Die Nachricht kommt per WhatsApp: «Ich brauche ein Velo.» Annette Plath liest solche Nachrichten fast täglich. Sie weiss: Dahinter steht selten nur ein Fahrrad. Es geht um Bewegung, um Anschluss, um ein Stück Selbstständigkeit. Plath ist Sozialdiakonin der Reformierten Kirche Kanton Zug.
25 Prozent ihrer Stelle sind der Flüchtlingsarbeit gewidmet. Seit fast zehn Jahren begleitet sie Menschen, die in der Schweiz Schutz suchen und oft nicht wissen, wie lange sie bleiben dürfen.
«Mich beschäftigt derzeit besonders die Lage der abgelehnten Flüchtlinge», sagt sie. «Viele können nicht zurück, werden aber auch nicht wirklich aufgenommen.» Das europäische Dublin-System schickt sie in die Schweiz zurück. Hier leben sie teils jahrelang mit Nothilfe. Immer in der Unsicherheit, jederzeit gehen zu müssen. Trotzdem versuchen sie, sich einzurichten. «Es sind Menschen wie du und ich», sagt Plath. Menschen, denen man im Bus begegnet. Die beim Mittagstisch helfen oder im Gottesdienst sitzen. «Im Moment sind es unsere Mitbürger.»
Ein Velo verändert den Alltag
Die Reformierte Kirche Kanton Zug ist gerade im Sozialbereich stark engagiert. Flüchtlingsarbeit geschieht hier weniger in grossen Programmen als im Alltag. Mittagstisch, Deutschkurse, Musikgruppen, Gespräche – und immer wieder Begegnung. «Alles ist wichtig. Hilfe, politische Stimme. Aber am meisten die Beziehungen», sagt Plath. «Nur so kann man sich ein Stück weit zu Hause fühlen.» Das gilt in beide Richtungen. «Auch wir müssen lernen, mit anderen Kulturen zu leben. Ängste abbauen. Fragen stellen.» Den Menschen sehen.
Ein zentrales Projekt ist die Velowerkstatt in Cham. Sie begann 2016 mit einem einzigen Fahrrad. Heute werden jährlich rund 150 bis 200 Velos an Flüchtlinge weitergegeben. Die Idee ist einfach: Gespendete Fahrräder werden repariert und abgegeben. Kostenlos, bis auf die Ersatzteile. «Die Bustickets können sie sich oft nicht leisten», sagt Plath. Ein Velo bedeutet Zugang: zum Deutschkurs, zur Arbeit, zu sozialen Kontakten. Die Nachfrage ist gross. Eine Warteliste gehört zum Alltag. Und mit jedem Termin beginnt mehr als nur eine Übergabe. Es ist ein Gespräch. Ein erstes Kennenlernen. Plath begleitet in der Flüchtlingsarbeit aktuell rund 30 Personen intensiv, etwa 50 bis 60 regelmässig und 200 bis 300 Menschen im erweiterten Netzwerk. Ein dichtes Geflecht von Beziehungen.
Kirche als Ort der Zugehörigkeit
Integration gelingt, aber nicht immer reibungslos. Unterschiedliche Vorstellungen von Pünktlichkeit oder Verbindlichkeit führen zu Spannungen. «Für manche ist Familie wichtiger als ein Termin», sagt Plath. «Das mussten wir auch lernen.» Und es gibt strukturelle Grenzen. Vor allem bei Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Wie motiviert man jemanden, sich zu integrieren, wenn jederzeit eine Ausschaffung droht? Plath antwortet schlicht: «Mit der Lust zu leben.» Viele hätten keine Alternative. In ihren Herkunftsländern drohten Verfolgung oder Gewalt. Also versuchen sie, hier das Beste aus der Situation zu machen.
Was der Staat organisiert – Unterkunft, Geld, Sprachkurse –, kann die Kirche nicht ersetzen. «Aber sie kann etwas anderes bieten: das Gefühl, dazuzugehören», sagt Plath. Gemeinschaft. Gespräche. Perspektive. Einige Geflüchtete interessieren sich auch für den christlichen Glauben. Sie besuchen Gottesdienste, nehmen an Angeboten teil, lassen sich taufen.
Nicht, weil man sie dazu drängt. «Sie kommen von sich aus», sagt Plath. Auch die Gemeinde verändert sich. «Früher waren das ‹die im Asylheim› und ‹wir hier›. Jetzt mischt sich das.» Beim Apéro nach dem Gottesdienst entstehen Gespräche. Erste Begegnungen. Kleine Schritte.
Freude trotz allem
Was Plath immer wieder überrascht, ist die Lebensfreude der Geflüchteten, die teils haarsträubende Sachen erlebt haben. Etwa bei Samuel (Name von der Redaktion geändert) aus Guinea, der in einem Boot mit 45 Flüchtlingen war, von denen nur 10 überlebten. Er war einer davon. Seit bald drei Jahren ist er in der Schweiz und wurde bereits zweimal abgewiesen. Er sagt: «Das Leben macht Spass. Ich fahre gerne Velo, tanze gern Hip-Hop.» Plath staunt. «Wie kannst du noch lachen?» Seine Antwort: «Ich bin froh, dass ich lebe.» Solche Begegnungen tragen
und fordern zugleich. Nicht jede Geschichte geht gut aus. Plath erzählt von einem Mann, den sie begleitete und der sich das Leben nahm. «Das hat mich sehr getroffen.» Die Arbeit bewegt. Und sie belastet. Deshalb braucht es auch Grenzen. Pausen. Und die Fähigkeit, Dinge einzuordnen.
Begegnung als Schlüssel
Einmal im Jahr bündelt sich vieles im kantonalen Flüchtlingstag. Ein Tag für Begegnung, Austausch, gemeinsames Essen. «Es geht darum, zu merken: Das sind nicht die anderen», sagt Plath. Sondern Menschen, die hier leben und dazugehören möchten. Ihr Wunsch ist einfach: «Räume und Herzen öffnen». In diesem Jahr findet der Anlass am 20. Juni im Theater Casino Zug statt. Nach einem musikalischen Auftakt folgen Gespräche, Workshops und gemeinsames Essen. Menschen aus verschiedenen Ländern teilen, was sie mitbringen – Geschichten, Musik, Erfahrungen. «Ich wünsche mir, dass die Leute mit etwas Buntem im Herzen nach Hause gehen», sagt Plath. Und mit dem Gefühl: Es war gut, da zu sein.
Der kantonale Flüchtlingstag findet statt am Samstag, 20. Juni, ab 14 Uhr im Theater Casino Zug
Zwischen Zuversicht und Unsicherheit